September 2008   von Heinz Lorenzen

29. – 31.08.2008

Am 29.08. kurz nach 05.00 Uhr haben meine Frau und ich uns auf den ca. 2 200 km langen Weg nach Manastirea Humor gemacht. An den Grenzen zwischen Deutschland und Österreich sowie Österreich und Ungarn gibt es keine Kontrollen mehr. Wir konnten so die Grenzübergänge passieren. An der Grenze zwischen Ungarn und Rumänien kontrollierten die Zollbeamten von beiden Ländern gemeinsam. Ein kurzer Blick in die Reisepässe und schon konnten wir weiterfahren. Welch ein Unterschied zu unserer ersten Autofahrt 2002. Nach Zwischenstationen in St. Valentin in Österreich und Baile Felix in Rumänien trafen wir am 31. August in unserem Ziel ein. Unserer Unterkunft war wie im Vorjahr die Casa Buburuzan. Unsere Dolmetscherin Simona Cimpoca aus Sibiu sowie Sieglinde und Hans-Peter Ellner aus Kasendorf waren bereits vor uns eingetroffen.

Bei unserer Fahrt durch Rumänien hatten wir den Eindruck, das Land explodiert. Überall rege Bautätigkeit. Bei den Städten entstehen Gewerbegebiete. In den Ortschaften werden neue Häuser gebaut sowie alte ausgebessert und umgebaut. Der Straßenbau schreitet voran. Immer mehr Straßenabschnitte auf unserer Strecke waren fertig. Nur in den Karpaten, wo riesige Erdbewegungen für die breiteren Trassen erforderlich sind, wird es noch einige Zeit bis zur Fertigstellung der Straßen dauern. Für die letzten 80 km haben wir wegen der vielen ampelgeregelten Baustellen drei Stunden gebraucht.

Zwei Tage vor unserer Abfahrt erhielten wir die Nachricht, dass der Schulbeginn, wegen der schweren Unwetter in einigen Landesteilen Rumäniens, im ganzen Land kurzfristig vom 01. auf den 15. September verschoben worden war. Wegen unserer sonstigen Termine im September konnten wir unsere Reise aber nicht verschieben. So waren wir dieses Jahr nicht zum Schulbeginn vor Ort. Von unseren Fahrten in den letzten Jahren wussten wir, dass wir zum Schulbeginn am Besten auf die Bedürfnisse in Schule und Kindergarten reagieren können. Aber wir haben trotzdem alles geregelt bekommen.
01.09.2008
So konnten wir in Ruhe die mitgebrachten Kleiderspenden auf siebzig Beutel für die Schul- und Kindergartenkinder von Corlata aufteilen. Wie jedes Mal enthielt jeder Beutel neben Bekleidung, Schuhen und Kuscheltieren auch einige Süßigkeiten.

Bei einem Telefongespräch mit Frau Munteanu von der Möbelfabrik in Frasin erfuhren wir, dass die Kindergartenmöbel erst am Donnerstag geliefert werden können.

Mit der Bürgermeisterin wurde ein Treffen für den Mittwochvormittag vereinbart.

02.09.2008
Unsere erste Fahrt nach Corlata in diesem Jahr. Zunächst besuchten wir die Eltern von zwei Studenten, die wir bereits zwei Jahre mit Studienbeihilfen unterstützt hatten. Wir waren überrascht, dass wir das Ehepaar zuhause antrafen. Die beiden waren nicht bei Erntearbeiten auf den Feldern, wie viele andere Bauern, weil die Ehefrau eine neue Hüfte bekommen hatte und noch keine schweren Arbeiten verrichten konnte. Sie erzählten, dass der Sohn sein Studium mit dem Master beendet hatte, aber leider noch keine Arbeit bekommen hatte. Die Tochter war mit dem Studium fertig. Es war den Eltern aber nicht bekannt ob sie noch den Master machen wollte. Wir haben für Freitagvormittag ein weiteres Treffen vereinbart. Bis dahin wollten sie mit der Tochter sprechen.

Bei der Schule stand das neue Heizgebäude. Sonst waren keine Veränderungen festzustellen.

Frau Cioltan, die Lehrerin, trafen wir zuhause an. An Schulbedarf nannte sie einen Kühlschrank zum Lagern der Milchgetränke und der belegten Brötchen für die Schulspeisung und wie in jedem Jahr Verbrauchsmaterial für Schule und Kindergarten. Die Zahl der gemeldeten Kinder für das neue Schuljahr übermittelte sie uns später telefonisch: 26 Kinder in der Schule und 30 im Kindergarten.

Ein weiteres Ehepaar, deren Tochter wir beim Studium unterstütz hatten, störten wir bei der Gartenarbeit. Der Tochter ging es gut, sie arbeitet weiterhin als Lehrerin in Cluj.

Dem Kind mit der Kiefernfehlbildung ging es gut. Die Eltern arbeiteten beide im Ausland und würden sich demnächst in Corlata ein Haus bauen. Sie sind also finanziell soviel besser gestellt, dass sie von uns keine weitere Unterstützung benötigen.

03.09.2008
In Berchisesti trafen wir auf dem Weg zur Ärztin Herrn Chilariu, den Gemeindesekretär. Obwohl er eigentlich Urlaub hatte, war er in der Gemeindeverwaltung weil die Bürgermeisterin an dem Tag nicht in Corlata war. Sie würde aber am nächsten Tag bei der Lieferung der Möbel in Corlata sein. In seinem Büro schilderte er uns die Situation in Corlata. Zurzeit wurde eine Kanalisation gebaut, zunächst nur für Regenwasser (auch in Corlata waren einige Häuser beim Unwetter beschädigt worden), wenn das Klärwerk, das in Berchisesti gebaut werden soll, fertig ist, auch für Abwasser. Die Gelder für die Wasserleitung im Dorf sind beantragt. Auf die Frage, was er als nächstes Projekt für die Schule vorschlagen würde, nannte er Möbel für die Schule. Er sagte zu, Prospekte dafür zu besorgen.

Mit der Ärztin, Frau Dr. Melinte, besprachen wir wieder die Versorgung der Kinder in der Schule und im Kindergarten mit Vitaminen und Mineralstofftabletten. Die Medikamente wurden bei der angegliederten Apotheke bestellt und würden Freitag da sein. Sieglinde und Peter Ellner hatten einen Karton mit gespendeten Medikamenten übergeben, die auch bereits zum Teil in den Glasschrank im Behandlungszimmer eingeräumt waren.

Danach fuhren wir in die Kreisstadt Suceava zur METRO. Dort kauften wir einen 295-Liter Kühlschrank und Kopierpapier, Krepppapier, glänzendes Buntpapier, Bleistifte, Bleistiftanspitzer, Zeichenblöcke, Buntstifte, Klebestifte und Duplo. Leider gab es diesmal in der METRO für uns keine Bälle. Nur hochwertige Fußbälle, aber 100 € wollten wir nicht für einen Ball ausgeben.

Und wieder nach Corlata um den Kühlschrank und die 70 Spendenbeutel in die Schule zu bringen.

Auf der Rückfahrt zu unserer Unterkunft kauften wir dann in Gura Humorului 3 große Bälle für die Schule und 3 große und 8 kleine Bälle für den Kindergarten.

Eine telefonische Nachfrage in der Möbelfabrik ergab, dass die Möbel noch nicht fertig waren, aber am nächsten Tag gegen 12.00 Uhr geliefert werden.

04.09.2008
Wir fuhren nach Corlata und brachten die gekauften und gespendeten Sachen für die Schule in das Lehrerzimmer.

Kurz nach zwölf kam Frau Munteanu von der Möbelfabrik mit drei Helfern und brachte einen Teil der bestellten Möbel: 20 kleine und 16 etwas größere Stühle und einen Tisch für die Kinder, einen Tisch und zwei Stühle für die Kindergärtnerin und zwei Schränke.

Wenn wir in der Schule sind, sind auch immer Kinder da. So konnten ein großes und ein kleines Kind im Kindergartenalter auf den unterschiedlich großen Stühlen am Tisch Platz nehmen. Dabei stellte sich heraus, dass das kleine Kind überhaupt nicht am Tisch arbeiten konnte, weil der Tisch zu hoch war. Frau Munteanu sagte zu, dass an fünf Tischen die Beine entsprechend gekürzt würden, damit die kleinen Stühle dazu passten.

Die fehlenden Möbel sollten am Montag geliefert werden.

Danach wurden das mitgebrachte Beschäftigungsmaterial und die Spielsachen für den Kindergarten in die Schränke eingeräumt. Frau Taran, die Bürgermeisterin, war ganz erstaunt, was wir alles mitgebracht hatten.

Bei dem anschließenden Gespräch erfuhren wir von Frau Taran, dass es im Winter bei der Heizung einen Rohrbruch gegeben hatte. Drei Tage konnte nicht geheizt werden. Jetzt hatte ich eine undichte Stelle an einem Heizkörper im Kindergarten entdeckt. Frau Taran wird die Firma ROMSTAL, die die Heizung eingebaut hat, informieren.

Der Hausmeister, der am Anfang des Dorfes wohnt, steht nachts gegen ein Uhr auf und fährt mit dem Fahrrad zur Schule um anzuheizen (wenn Schnee liegt geht er zu Fuß). Vor Schulbeginn legt er nochmal nach, damit es in der Schulzeit von 08.00 bis 12.00 Uhr warm ist.

Dann gab Frau Taran uns Informationen zur Entwicklung im Dorf.

Vielen Familien geht es besser. Nicht mehr alle benötigen unsere Kleiderspenden. Auf unsere Frage, wie wir die Bekleidung besser aufteilen können als über die Schulkinder, sagte sie uns zu, dass Frau Marcica vom Sozialamt der Gemeinde uns dabei helfen wird. Frau Marcica kommt selbst aus Corlata und kennt alle Familien und deren sozialen Verhältnisse.

Frau Marcica und der Hausmeister werden auch am Schulanfang die Spendenbeutel an die Kinder in der Schule und im Kindergarten verteilen. Daraufhin haben wir sechzig Beutel aus dem Klassenzimmer in den Heizungsraum gebracht, wo sie sicher verwahrt waren.

Frau Taran hat eine Liste mit den gespendeten Sachen erbeten, die wir ihr für den nächsten Tag zusagten.

05.09.2008

Nach dem Frühstück machten Sieglinde und Peter Ellner sich auf die Heimreise und Christel und ich fuhren zusammen mit Simona, unserer Dolmetscherin, ein letztes Mal in diesem Jahr nach Corlata.

In Berchisesti machten wir Zwischenstation. Die Medikamente waren noch nicht alle da. Solche Mengen wie wir sie benötigten hatten sie auch in der Kreisstadt nicht vorrätig. Bis Mittag sollten sie aber in der Apotheke in Berchisesti eintreffen.

Dann händigten wir Frau Taran die Listen der übergebenen Sachen für Schule und Kindergarten aus. Auf Wunsch von Frau Taran trugen wir die uns bekannten Preise ein. Den Wert der gespendeten Sachen haben wir geschätzt. Dann fuhren wir mit Frau Marcica weiter nach Corlata.

Am Ortseingang von Corlata holten wir den Hausmeister ab, der uns die Schule aufschloss. Frau Marcica hatte einen Computerausdruck mit den 42 bedürftigsten Familien von Corlata dabei.

Die Bekleidung aus den zehn gepackten Beuteln wurde neu aufgeteilt. Dazu Babybekleidung, Kleinkinderspielzeug, Wolldecken und Bettzeug. Die Beutel wurden vor dem Aufteilen mit den Namen der Familien beschriftet. Bald kam auch die Frau des Haumeisters zu Hilfe. Beide Frauen kannten die Familien und wussten wie alt und wie groß die Kinder waren. So konnten die Kleiderspenden einigermaßen passend übergeben werden. Dadurch hat das Aufteilen aber drei Stunden gedauert. Weitere drei Stunden brauchten wir, um die Beutel den Familien zu überbringen.

Dabei kamen wir zu vielen armseligen Behausungen. Häuser und Hütten, die wir vorher noch nie gesehen hatten, weil sie in der zweiten Reihe lagen, nur zu Fuß zu erreichen. Unvorstellbar, dass dort Menschen wohnen konnten. Es waren die Ärmsten der Sozialhilfeempfänger im Dorf. Diese drei Stunden haben uns betroffen gemacht.

Danach besuchten wir wieder die Eltern der Studentin. Zu unserer Freude war sie selbst anwesend. Sie hat das Studium erfolgreich beendet und ist seit drei Monaten mit dem jüngeren Bruder des Pfarrers von Corlata verheiratet. Auch ihr Mann hat Theologie studiert. Leider haben beide keine Arbeit, sondern leben von Sozialhilfe, sodass ein Fortführen des Studiums für den Master wegen der Kosten von jährlich etwa 500,00 EURO nicht möglich ist. Sie hat sich richtig gefreut, als wir ihr unsere weitere Unterstützung zusagten. Sie wird ihr Studium fortsetzen und ihren Master machen.

Anschließend trafen wir uns wieder mit der Bürgermeisterin. Wir waren zum Grillen eingeladen. Mit Frau Marcica, dem Sekretär, dem Gemeindevertreter Herrn Hogea, dem Hausmeister und anderen Mitarbeitern der Gemeinde. Am Waldrand hat die Gemeinde einen Grillplatz geschaffen mit an drei Seiten offenem, überdachtem Sitzplatz. Es hat uns sehr gut geschmeckt und Hunger hatten wir auch. Wir hatten seit dem Frühstück nichts mehr gegessen und inzwischen war es 16.00 Uhr geworden.

Wieder wurde über die Situation im Dorf gesprochen. Über die Kanalisation und die Wasserleitung hatte uns der Sekretär ja bereits am Mittwoch informiert.

In der Schule hat ein Treffen von Schriftstellern aus verschiedenen Ländern stattgefunden. Auch drei Schriftsteller aus Deutschland waren angereist. Die Teilnehmer waren sehr beeindruckt von dem kleinen Dorf mit den alten traditionellen Häusern. Auch die Schriftsteller hatten nach dem Besuch der Schule auf dem Grillplatz auf den gleichen Bänken gesessen wie wir.

In drei Monaten sind Kommunalwahlen in Rumänien. Neben Frau Taran gibt es drei weitere Bewerber für das Bürgermeisteramt. Aber wahrscheinlich ist Frau Taran auch bei unserem nächsten Besuch, voraussichtlich im September 2009, noch Bürgermeisterin.

Es begann schon zu dämmern als wir uns bedankten und bis zum nächsten Jahr verabschiedeten.

06. – 08.09.2008

Um 05.30 Uhr – es war noch dunkel – machten wir uns auf den Heimweg. Die Köchin hatte uns ein Frühstück bereitgestellt und auch ein Lunchpaket für die Fahrt vorbereitet.
Gegen 13.00 Uhr erreichten wir Cluj, wo Simona, unsere Dolmetscherin, bereits von ihrem Freund und einem Begleiter erwartet wurde. Nach einem kleinen Imbiss und einer herzlichen Verabschiedung fuhren die drei weiter nach Sibiu und auch wir setzten unseren Heimweg fort.